Ausstellung
Madness & Practice
Duo-Austellung: Liz Dawson and Lucy Teasdale
Axel Obiger
Eröffung: 19 Uhr, 16th January 2026

Axel Obiger, Raum für zeitgenössische Kunst, Brunnenstrasse 29, 10119 Berlin
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
In der Ausstellung Madness and Practice führen uns die neuen Arbeiten von Malerin Liz Dawson und Bildhauerin Lucy Teasdale einen latenten Widerstreit zwischen vermeintlicher Intuition und entschiedener Konzeption vor Augen.
Der Titel evoziert Vorstellungen von zweifelhaft obsessivem Arbeitsdrang, dem die Künstlerinnen im Atelier ergeben sein könnten, erzählt aber vielmehr von unermüdlicher Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ihre schöpferischen Prozesse, die darin stetig erfolgenden Wiederholungen und die Kontrolle, die sie darüber wahren. Oberflächen und Gesten der ausgestellten Werke signalisieren dem Auge zunächst Unmittelbarkeit und Spontaneität, indes jedoch o enbaren sie leise die darin ruhende Planmäßigkeit. Behauptet werden nicht Obsession und Beharrlichkeit als Symptom von Irrationalität, sondern ganz im Gegenteil als Übung im Sinne von nachhaltigem, nahezu ritualisiertem Schaffen im Streben nach einer bestimmten, gewandten Verfahrensweise.
Und genau das vermitteln die Arbeiten: Methode und Gewandtheit. Liz Dawsons Gemälde und Zeichnungen erscheinen uns zunächst als rätselhafte Systeme: Pfeile, die auf sich selbst zeigen, gestisch ausgeführte, schleifenartige Formen und Richtungsmarkierungen wirken wie Leseanleitungen, bleiben aber undurchsichtig.
Sie erinnern an codierte Notationen, angesiedelt zwischen den Randnotizen einer Dichterin und den rasch skizzierten Schrittfolgen einer Tänzerin. Dieser Eindruck von unmittelbarer, geschwind erfolgter Setzung der Zeichen ist jedoch trügerisch. Ein vorgeblich schnell vollzogener, expressiver Strich entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Konstrukt, das aus zahllosen winzigen Farbspuren mühsam zusammengesetzt wurde. Dawson operiert in ihrer Malerei mit Schichtungen, ausgeführt mit Plan und Schliff. Also ist Spontaneität hier inszeniert, Unmittelbarkeit konstruiert. Die Künstlerin hält Informationen zunächst unter Verschluss, um Betrachtende zu locken und sie anschließend mit ihrer spezifischen Beharrlichkeit zu konfrontieren.
Die Figurenszenen in Lucy Teasdales Skulpturen, eingebettet in konstruierte Umgebungen, scheinen hastig gefertigt, mitten im Schaffensprozess stehengelassen und nicht stabil miteinander verbunden. Oberflächen hängen durch, sind gesplittert, gleichen tropfendem Wachs. Die Farbgebung mutet kindlich-naiv an. All dies verleiht den Arbeiten eine Leichtigkeit, die Weichheit und Formbarkeit suggeriert. Näher betrachtet aber stellt man fest, dass das Material nicht etwa formbarer Ton ist, sondern festes, gegossenes Kunstharz. Die in das Medium eingearbeiteten, Unmittelbarkeit unterstreichenden Gesten, Abdrücke und Faltungen als Präsenz taktiler Berührungen sind nicht mehr o en für weitere Eingriffe: sie sind fixiert und in Dauerhaftigkeit überführt worden. Wie in Dawsons Malerei wird das Versprechen von Bewegung, impulsivem Formen und Narration nicht restlos eingelöst. Impliziertes nimmt nie vollständig Gestalt an.
Beide Künstlerinnen entscheiden sich in ihrem Schaffensprozess für ein Sujet, das eine Resonanz in ihnen hervorruft und verpflichten sich diesem ohne Kompromisse.Für Dawson kann dies ein Bildfragment sein – häufig den Massenmedien entnommen – das durch Wiederholungen und Richtungsmarkierungen symbolischen Gehalt gewinnt.
Für Teasdale mag es eine Fotografie oder eine erinnerte Situation sein, etwa die idyllische Szene eines Fischers an einem Flussufer in England. Solche Motive tragen zwar den Zauber des Vorgefundenen und Authentischen in sich, doch sind sie bereits vermittelt und einer Konzeption unterzogen worden – geformt durch Geschichte, Projektion und Erwartung.
Die Praktiken der Künstlerinnen zeugen von einem gemeinsamen Interesse an Fiktion – Fiktion nicht als Erzählung, sondern als Gestaltungsprozess. Natur, Spontaneität, Intuition und auch Wahnsinn manifestieren sich nicht in Form roher Beschaffenheit, sondern als sorgfältig konstruierte Setzungen. In einer Zeit, in der sich die Unterscheidung zwischen Authentizität und Simulation zunehmend auflöst, fordern die Werke von Dawson und Teasdale eine Auseinandersetzung ein, die nicht auf unmittelbare Bestätigung oder schnelle Auflösung aus ist, sondern auf das Vergnügen, die Fiktion im Schaffen zu entdecken. Bedeutung wird dabei weder mitgeliefert noch garantiert. Die Arbeiten verlangen, dass man ihnen auf halbem Wege entgegenkommt. Der Akt des Schöpfens gelangt mit den Kunstwerken in die Ausstellung und setzt sich dort beim Betrachten fort.
Texte: Ilyn Wong
Übersetzer: Hans-Peter Stark